Trinity

SOULMASTERY

In der Literatur begegneten mir immer wieder Konzepte, die mit einer Dreieckskonstellation meine Aufmerksamkeit fesselten. Die erste solche Konstellation war ein charmantes volkswirtschaftliches Modell in Bezug auf Währungskrisen und Geldpolitik, das Trilemma von Maurice Obstfeld. Im Laufe der Jahre begegnete mir dann ein weiteres Konzept mit „nur“ 3 Eckpfeilern – „Think Limbic“ (Obacht, ein böser „Affiliate Link“). Hier ging es um psychologische Einflussfaktoren im Zusammenhang mit Kauf- und Konsumentscheidungen. Hierbei werden die psychologischen Triebkräfte in Balance (Sicherheitsdenken und -orientierung), Stimulanz (die Lust auf Neues und Kreatives) und Dominanz (Gewinnen und Dominieren) unterteilt. Laut dem Model sind alle Lebewesen, die über ein sog. Limbisches System im Gehirn verfügen von diesen Triebkräften beeinflusst, die bei jedem unterschiedlich stark ausgeprägt und geformt sind. Hier ist eine der vielen möglichen Darstellungen dieser These:

Diese Simplifizierung war auch sehr hilfreich im Bürokrieg, half sie mir doch die „Gegner“ und „Verbündete“ schneller einzuordnen. Dann kam auch noch der Film Matrix dazu und präsentierte die Figur „Trinity“, die dann doch mehr zum Nachdenken anregte, welche Dreifaltigkeit hier nun gemeint sein könnte. An dieser Dreifaltigkeit kam ich allein schon dem Titel geschuldet nicht vorbei…

Im Verlaufe so einiger Diskussionen im Freundeskreis errinern wir uns auch oft einer Dreifaltigkeit, die vermutlich auch aus einem philosophischen Werk stammt, die Herkunft uns aber unbekannt ist. Vielleicht ist es aber auch einfach eine „Bauernweisheit“ – der Zusammenhang zwischen Geld, Zeit und Gesundheit, wie nachfolgend illustriert.

Dieses Trilemma ist im Lebenszyklus eines Menschen gut nachzuvollziehen – am Anfang haben wir in den meisten Fällen Zeit und Gesundheit, später wendet es sich in Gesundheit und Geld, wenn wir anfangen zu arbeiten und keine Zeit mehr so richtig haben, außer dem Wochenende und dem Urlaub. Zum späteren Zeitpunkt wird wieder etwas mehr Zeit verfügbar und Geld ist auch in der Regel noch da, aber die Gesundheit ist oft schwindend bedingt durch das Alter und ggf. auch Folgen der Arbeit. Diese können körperlich, wie auch psychische Folgen sein. In unserer aktuellen Gesellschaftsordnung sind die letzteren vielleicht sogar „schlimmer“ und zunehmend wahrscheinlicher. Natürlich ist das „haben“ immer relativ und dies ist der Zyklus eines durchschnittlichen „Karrieristen“ bzw. „Bürohengsten“, zu denen ich mich auch früher zählen durfte. Die Frage in dieser Betrachtung ist natürlich nach der Maximierung aller drei Pole zur gleichen Zeit. Die Antwort, Schlüssel, oder Lösung ist natürlich knifflig und nicht Gegenstand meiner heutigen Betrachtung, da dies sonst zu weit ausufern würde. Auch wenn dies ein „Kneipen-Modell“ ist, regt es dennoch zum Nachdenken an, wie ich finde.

Wie das so mit den Simplifizierungen ist, laufen wir bei allen natürlich immer Gefahr etwas zu vernachlässigen und jeder Versuch die bunte und vielfältige Existenz in eine knappe Anzahl von Eckpfeilern zu strukturieren, kann dementsprechend nur zu kurz greifen. Dennoch sind es hilfreiche Mittel, um uns einer Erkenntnis zu nähern und ein Verständnis für Zusammenhänge aufzubauen.

Die nachfolgende Dreifaltigkeit, die mich aktuell beschäftigt, möchte ich genauer betrachten. Sie ist aus einem Werk (Achtung, wieder ein „böser“ Affiliate-Link) von Rudolf Steiner, dem Begründer der Waldorfschulpädagogik, entliehen.  Hier geht es um einen Zusammenhang von drei Grundkräften, die unseren Wertekonstrukt unterliegen und uns tiefgreifend steuern: Wollen, Fühlen und Denken:

Nicht in beliebiger Weise will, fühlt, oder denkt der Mensch. Wenn z.B. eine bestimmte Vorstellung im Bewusstsein auftaucht, so schließt sich an sie nach natürlichen Gesetzen ein gewisses Gefühl oder es folgt auf sie ein gesetzmäßig mit ihr zusammenhängender Willensentschluß. Man betritt ein Zimmer, findet es dumpfig und öffnet die Fenster. Man hört seinen Namen rufen und folgt dem Rufe. Man wird gefragt und gibt Antwort. Man sieht ein übelriechendes Ding und bekommt ein Gefühl von Unlust. (…) Die Erfolge, die man sich von einer richtigen Erziehung oder einem angemessenen Unterricht verspricht, beruhen darauf, daß man voraussetzt, man könne eine der menschlichen Natur entsprechende Verbindung zwischen Denken, Fühlen und Wollen beim Zögling herstellen.“  (Rudolf Steiner, „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?“, 13te Auflage 2014, Original um 1914)

Nach einiger Beobachtung an mir selbst, ist es verblüffend, wie treffend diese Aufstellung ist. Kaum fühle ich etwas, setzt das Denken ein und übersetzt sich oft sogleich in ein Wollen. So fühle ich z.B. Freude durch die frische Luft und die jungen Sonnenstrahlen eines Morgens, fängt mein Gehirn an mir zu sagen, dass es gut für mich ist, der Sauerstoff mir guttut und keiner weiß, wie lange es noch so schön bleibt. Zack entwickelt sich hieraus ein Wollen mit dem Mountainbike eine Tour zu machen, oder in den Park zu gehen. Jeder ist herzlich eingeladen hier einen Selbsttest zu machen. Der Einstieg kann dabei von jeder der Drei Säulen erfolgen – ihr könnt mir dem Denken, dem Fühlen, oder dem Wollen anfangen und wenn ihr ehrlich euch selbst beobachtet, werdet ihr feststellen, dass diese drei Kräfte fest miteinander in uns verknüpft sind.

Es sind scheinbar unmerkliche Verbindungen (hier in der Skizze in Rot dargestellt) zwischen diesen Kräften, die uns steuern. Hier können wir auch merken, wie unbewusst wir eigentlich uns selbst gegenüber sind, denn diese Drei Kräfte, müssen keineswegs zwingend miteinander gekoppelt sein. Es ist lediglich unsere Prägung, Ausbildung und Erziehung, die diesen Zusammenhang in uns hergestellt hat, wie Rudolf Steiner oben bereits festgehalten hatte. Interessant ist auch, wie unterschiedlich wir in verschiedenen Situationen reagieren. Reagieren ist hierbei genau der richtige Begriff, denn wir agieren nicht in diesem Zusammenhang. Wir werden bewegt. Bei manchen Themen und je nach persönlicher Prägung ist z.B. das Wollen ein bevorzugter Einstiegspunkt, aus dem sich dann Gefühle und Gedanken ausbreiten. In anderem Zusammenhang sind es unsere Gedanken, die z.B. eine Vergangenheit, oder eine Zukunft in unserem Kopf erschaffen und uns im Hier und Jetzt mit den anderen beiden Dimensionen anfangen zu steuern. Da jeder von uns durchaus einzigartig und damit verschieden ist, ergeben sich in diesem globalen Zusammenhang feine Unterschiede. So sind die Verbindungen der drei Pole bei jedem von uns unterschiedlich stark im Gegensatz zu der Darstellung in der Skizze oben. Das Fühlen kann bei einer Person wesentlich stärker mit dem Wollen verknüpft sein, bei anderen ist das Fühlen dann wiederrum stärker mit dem Denken verknüpft. Die Verknüpfungen mit dem jeweils anderen Pol sind natürlich auch vorhanden, unterscheiden sich jedoch in der Stärke der Ausprägung.

Zur weiteren Veranschaulichung kann man sich die Wirkungsweise im Körper anhand dieses Schemas vorstellen:

Die roten Pfeile repräsentieren die Wirkungsweise bei zumeist unbewusstem Lebenswandel, während die blauen Pfeile tendenziell bewusstere Individuen charakterisieren. Indem wir uns mehr unser selbst bewusst werden, kommen wir mehr mit unseren Gefühlen „in tune“ und kehren unsere Programmierung zunächst etwas um. Sofern wir anfänglich vom Wollen und Denken beherrscht waren und die Gefühle dabei lediglich eine unterstützende Rolle gespielt haben, wird mit der Ausprägung von Achtsamkeit und Bewusstheit das Gefühlsleben aktiver erlebt und fängt an das Wollen und Denken zu steuern.

Diese These kann ich persönlich absolut bestätigen, da ich dies genauso durchlebt habe. Eine zunächst stärkere Verbindung zwischen dem Denken und dem Wollen wurde mit Meditation immer mehr vom Fühlen abgelöst. Dies hat mir gezeigt, dass diese Verknüpfungen nicht unumstößlich sind. Wir sind, wie immer, Schöpfer unserer Selbst, unserer Schicksale und auch unsere Prägungen können damit aufgebrochen und geändert werden. So ist ein Zustand möglich, indem diese drei Größen völlig unabhängig voneinander in uns agieren. Mit hinreichender Achtsamkeit ist es möglich ein Gefühl nur als solches für sich zu durchleben, ohne es gleich mit dem Verstand bewerten, oder kategorisieren zu müssen. Das Gefühl wird uns dann auch nicht zu Handlungen stimulieren, sondern wir fühlen einfach in dem Augenblick das, was es zu fühlen gibt. So wird es sich dann auch mit den Gedanken und Wollen verhalten. Dies nähert sich aus meiner Sicht sehr stark auch der Zen Auffassung des Seins. Wie bei so vielen Philosophien und Denkansätzen, finden sich Parallelen, die uns suggerieren durch mehr Bewusstheit die Verantwortung und Kontrolle über uns und unser Leben zu erlangen. Dabei geht es keineswegs um Unterdrückung einer, oder mehrerer Dimensionen. Das würde den gegenteiligen Effekt haben, sondern eine bewusste Abkopplung der in uns vorprogrammierten Muster.

Stellt euch nur mal kurz vor, wie erfrischend es ist einen Gedanken zu fassen, der nicht gleich in uns einen Cocktail aus Gefühlen und Impulsen zum Handeln auslöst. Das ist das Tor zur großen Kreativität, Intuition und Mitgefühl. Wir können uns in einem solchen Stadium die Welt komplett neu erschließen und sind nicht an vorgefertigte Denkmuster gebunden. Ich persönlich erlebe immer mehr solcher Momente und merke wie aktive Meditationstechniken mich schrittweise in diese Sphären bringen. Der erste Schritt ist schon getan, indem diese Zusammenhänge einem bewusst werden und man damit anfängt die Reaktionen im eigenen Wesen zu beobachten und zu spüren. Natürlich haben die meisten dann sofort den Drang das „abzustellen“, aber das ist leider kein Schalter, wie bei einem elektronischen Gerät. Die Veränderungen stellen sich ganz von allein durch die Beobachtung ein. Zu einer tiefgreifenden Transformation bedarf es noch zweier „Geheimzutaten“ – Meditation und Geduld. Insbesondere beim letzten tue ich mich auch nach Jahren meditativer Praxis schwer und behindere mich selbst damit in meiner Entwicklung, aber ich beobachte das!

Abschließend möchte ich diese Anschauung mit einem unserer vermeintlich höchsten Güter in Beziehung bringen – der persönlichen Freiheit. Der intellektuelle Blickwinkel versucht die Objektivität für sich zu beanspruchen (was in meinen Augen sehr gewagt ist, aber zwecks der Argumentationskette, lassen wir dies erstmal kurz so gelten). Aus dem intellektuellen Blickwinkel ist die persönliche Freiheit an Verantwortung (für z.B. unser Handeln) gekoppelt. Gleichzeitig baut der intellektuelle Ansatz auf der Logik auf und in der Logik kann es keine Freiheit geben, denn alles wird durch starre logische Regeln beherrscht, aus denen der Mensch hin und wieder „irrational“ auszubrechen versucht. Da der Mensch ein biologisches Produkt ist, unterliegt er auch biologischen Regeln. Die Logik haben wir uns als Hilfsmittel erfunden, welches uns mittlerweile fast schon wiederrum versklavt und uns eben diese Freiheit durch vollkommene Automatisierung zu nehmen droht, durch die Übernehme der Verantwortung in vielen Dingen des täglichen Lebens (z.B. Smartphones, künstliche Intelligenz, IQ statt EQ, Algorithmen i.V.m. Werbung usw). Wenn wir nun unsere Verantwortung wirklich in unsere Hand nehmen wollen und unsere Freiheit haben wollen, lohnt es sich über die Triebfedern in uns nachzudenken, diese zu beobachten und vielleicht auch (z.B. durch Meditation) uns davon zu lösen.

Happy observing, be a watcher on the hill of your self and for yourself.

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