To-Go-ism

SOULMASTERY

Immer mehr Dinge gibt es „to-go“. In Europa kennen wir es zum Glück überwiegend nur beim Kaffee und Speisen. In USA, dem Tempel der Selbstoptimierung, gibt es weitaus mehr „to-go“ und „drive-trough“ Angebote. Für uns in Deutschland hoffe ich, dass wir in der Zukunft uns diesem Trend nicht anschließen werden und es eher weniger als mehr Angebote in dieser Richtung geben wird. Es ist mir klar, dass unsere so wertvolle Ressource Zeit durch die „Convenience“-Lebensweise vermeintlich noch „effizienter“ genutzt werden kann. Allerdings ist es auch dieser Effizienz-Strudel, der uns in psychische Probleme und Krankheiten treibt. Der Kaffee „to-go“ ist ein sehr gutes Beispiel, wie wir uns selbst täglich in diese Falle treiben.


In der S-Bahn, oder an der Ampel fallen mir immer wieder die Berufspendler auf, die einen Pappbecher Kaffee in der Hand halten. Sie wirken gestresst, müde und unglücklich. Nebenbei kippen sie sich den Kaffee rein, ohne diesen überhaupt richtig zu schmecken. Dann würden sie nämlich feststellen, dass er in den meisten Fällen gar nicht schmeckt. Während hier also zwei Vorgänge parallelisiert werden – die Fahrt zur Arbeit und der „Genuss“ des Kaffees – kommt etwas ganz Wichtiges zu kurz: der Genuss. Die Fahrt zur Arbeit zu genießen ist ein Thema für sich und ist natürlich auch möglich. Der Kaffee steht dem nicht im Weg, aber den Kaffee zu genießen fällt in einer überfüllten S-Bahn, oder im stockenden Verkehr schon sehr viel schwerer.

Leider ist der Kaffee und der Transport nicht alles ist, was wir versuchen  parallel zu erledigen. Die meisten halten auch noch ein Smartphone in der Hand, oder telefonieren beim Autofahren. Die Parallelisierung so vieler Dinger wie nur irgendwie möglich scheint heute eine wichtige Eigenschaft zu sein. Ich habe mich in der letzten Zeit schon selbstironisch immer davon versucht zu befreien indem ich gesagt hatte, ich sei nur ein Mann und wir Männer können nur eine Sache auf einmal machen. Insbesondere im Berufsleben wird Multitasking fast schon erwartet. Dabei müsste es jedem Vorgesetzten, oder Arbeitgeber einleuchten, dass keiner etwas ordentlich machen kann, wenn er daneben noch zig Aufgaben parallel zu erledigen hat. Am besten hat mit bei der Unternehmensberatung immer gefallen, wie die Dinge priorisiert wurden. Denn Priorisierung ist ja scheinbar so ein „Tool“ gegen den „to-go-ismus“, den Drang alles ständig nebeneinander machen zu wollen. Die Berater haben sich aber auch da natürlich nicht nehmen lassen die Skala von Prio 1 (sehr wichtig) und 5 (kann warten) um Prio 0 (ultra wichtig) zu erweitern und damit einfach alles zu versehen. In dem späteren Verlauf meines Werdeganges

bei der Bank hat mir ein überforderter Vorgesetzter dazu dann auch noch eine schöne Floskel geliefert: „you’re manager, so manage it“. Vielen Dank fürs Gespräch – mehr kann man zu diesem Tipp des Jahrhunderts nicht sagen. Nun hatte ich aber immer noch einen ganzen Haufen Aufgaben auf meinem Tisch, die alle top-urgent waren. Ich habe an mir selbst gemerkt, wie ich dazu überging eine Sache anzufangen, dann noch eine Sache und noch eine. So wurde die Dokumentenablage mit der Telco kombiniert und dazwischen noch paar Mails beantwortet. Natürlich gelang keins davon so richtig und fehlerfrei, aber ich war in meinen Augen gefühlt effizient und damit ein (Selbst-)Management-Tier.

Das Parallelisieren von Aufgaben macht uns sehr unbewusst und unachtsam. Also das Gegenteil davon, was gut für unsere Gesundheit und Wohlbefinden ist. Wir sind nun mal kein Intel Chip mit Multithreading. Auch nachdem ich das erkannt habe, erwische ich mich dabei, wie ich eine Sache anfange, dann irgendwie mich rausreißen lasse von einer Whatsapp, oder einer Mail, oder einem Anruf, dann aber nicht zu meiner ursprünglichen Aufgabe zurückkehre, sondern auf dem Weg noch was erledigen will. So z.B. stehe ich vom PC auf, wenn ich einen Anruf annehme, wandere beim Telefonieren umher und dann fällt mir noch auf, dass ich noch was wegräumen könnte, dabei fällt mir auf, dass ich mir noch einen Tee machen könnte und dann auch noch aufs Klo gehen….diese Klammern in der geistigen Formel müssen wir dann alle noch nacheinander wieder schließen. Das beansprucht alles den Raum und Platz in unserem Kopf. Mit so vielen parallelen Prozessen (auch wenn diese in meinem Beispiel nicht nobelpreisverdächtig sind) ist das Bewusstsein eh schon ausgelastet und ggf. sogar überlastet.

Eine Interessante Studie hat es mal so formuliert, dass wir mit unserer bewussten Wahrnehmung ca.  120 Bits erfassen können. Wenn man einem Menschen aufmerksam zuhört, entspricht das ca. 60 Bits. Wenn man etwas isst und das auch aufmerksam (also bewusst) macht sind es auch ca. 60 Bits. Allein an dieser Aufstellung kann man rein mathematisch ablesen, dass wenn wir uns beim Essen mit jemandem Unterhalten ist unsere bewusste Auffassungsgabe ausgelastet. Ich kann es für mich bestätigen, denn wenn ich ehrlich bin – kann ich entweder meinem Gesprächspartner recht aufmerksam folgen, oder das Essen voll genießen. Beides geht gleichzeitig nicht. Klar, wenn sich die Unterhaltung umso brennende Themen, wie die aktuelle Folge einer TV-Sendung dreht, sind vermutlich weniger Bits nötig, aber solchen Themen versuche ich mittlerweile aktiv nicht zu folgen.

Nehmen wir mal an, dass die 120 Bits Studie/Theorie stimmt – was passiert also, wenn wir unsere 120 Bits ausgeschöpft haben? Nun, wir haben ein sehr waches und aufnahmefähiges Unterbewusstsein und das sammelt alles, was um uns herum passiert. Es ist quasi unbeschränkt in seiner Wahrnehmungskapazität. Eigentlich ist es ja dafür da Muster des Überlebens zu sammeln und uns diese, an die aktuelle Situation angepasste, Vorschläge für Vorgehensweisen zu präsentieren, wenn es mal brenzlig wird. So z.B. nach links schauen, wenn wir über eine Straße gehen wollen.

Kehren wir nun zum Büro zurück. Wenn wir hier also so viele Dinge parallel machen, ist es klar, dass einiges davon direkt und ohne unsere bewusste Wahrnehmung ins Unterbewusstsein geladen wird. Dann ist dort über die Zeit eine Menge Müll vorhanden. Wen wundert es da, dass gestresste Manager nicht mehr richtig abschalten können und nachts von Emails und Meetings träumen? Das Unterbewusstsein sagt uns dann eben „servus“. Der erste Schritt zum Burn-Out ist getan.

Neben der problematischen Überfüllung des Unterbewusstseins mit Arbeitskram, bringt die Parallelisierung der Tätigkeiten höchstens durchschnittliche Resultate in allen Aufgaben, die man versucht zeitgleich zu machen, oder ineinander verschachtelt – also eine neue anfängt, bevor die vorhergehende abgeschlossen ist. Klar kann man damit relativ weit kommen, wird doch aktuell „Responsiveness“ (= möglichst kurze Zeitspanne zwischen Anfrage z.B. per Email und Antwort) höher gewichtet, als das tatsächliche Resultat.


Im Büro mag die Qualität kein großer Verlust sein, solange man noch so „Vorwärts“ kommen kann und durch Geschäftigkeit, „Responsiveness“ und die berühmte 3T Taktik Karriere machen kann (Exkurs 3T: Touch, Talk, Turn – man „nimmt“ sich eines Themas an, redet darüber und spielt den Ball zurück an denjenigen von dem es kam mit zusätzlichen Anforderungen, die nicht so leicht erfüllbar sind. So ist man das Thema los und hat sich ja damit auseinandergesetzt. Ein großes Dankeschön an einen guten Freund von mir für diese präzise Zusammenfassung). Solange aber das eigene Leben bzw. die eigene Lebensqualität darunter leidet, ist das dann doch des Nachdenkens wert. Viele Dinge, die wir uns so über den Tag kaufen, oder anschaffen kosten unsere Lebenszeit, die wir in Geld getauscht haben. Wir nutzen diese Dinge aber kaum, oder kosten sie nicht voll aus, da wir ja am Multitasken sind. Es ist also eine doppelte Belastung – das Unterbewusstsein wird zugemüllt und wir schmeißen mit unseren wertvollen Ressourcen um uns, um mehr Zeit zu schaffen, eben diese Ressourcen wieder zu verdienen. Relativ lächerlich, wenn man so darüber nachdenkt, aber die Rechnung scheint jeden Tag nicht aufzugehen. Jeden Tag hetzen sich die Menschen ins Büro, holen sich einen überteuerten Kaffee „to-go“, den sie unbedingt „brauchen“. Sie stürzen sich dann zumeist mit einem überteuerten Auto in den Stau zur Arbeit und ärgern sich dann noch über die „verlorene“ Zeit und die Spritkosten. Dann werden 10-12 Stunden „geleistet“, um dann die knappe Freizeit (insb. am Wochenende) mit kostspieligen Aktivitäten und Restaurants zu „nutzen“. Dabei wird weder der Kaffee noch das Auto, noch eine Freizeitaktivität, oder das teure Essen so richtig genossen und bewusst wahrgenommen. Ich höre jetzt schon einige Gegenstimmen – „am Wochenende bin ich in den Bergen, da genieße ich die Stille und Freiheit total!“ Das mag für einige glückliche auch zutreffen und das ist absolut Gold wert, wenn wir noch in der Lage sind diese Dinge so richtig zu genießen. Die Realität sieht aber häufig so aus, dass das Handy doch im Anschlag ist, dann doch noch eine Telco sein muss, oder Gedanken an eben diese Aktivitäten uns beim Wandern, oder Radeln begleiten. Häufig schleichen sich dann auch die Gedanken ein warum diese Pause so kurz ist und der Rest des Lebens so mühsam, oder anstrengend. Diese Gedanken werden, dann aber schnell weggewischt und unterdrückt, denn man hat ja so viele Verpflichtungen und „externe Einflussfaktoren“…


Dabei können wir diese Ruhe und Freude immer haben! Ja, immer! Hört sich provokant an, ist es auch natürlich. Sonst weckt man hier ja keinen auf… Leider ist es doch kein 3-Tages-Plan von „stressed-out“ bis zu „blissed-out“, aber die kleinen Schritte bringen schnelle Resultate und machen Lust auf mehr. Probiert es selbst aus. Hier sind drei Alternativen für einen Selbst-Test (Achtung, das Besondere zu allen Alternativen kommt nach der Aufzählung):

  1. Holt euch keinen Kaffee „to-go“ und auch nicht beim Bäcker, oder Tankstelle, wo es eh nur „Trucker-Bräu“ gibt. Setzt euch bewusst in ein Kaffee und trinkt eine gute Tasse vor Ort. Klar, es gibt Termine und Stress und Druck, aber aus eigener Erfahrung kann ich euch sagen, dass NICHTS in den 5-10 Minuten weglaufen wird. Stellt euch vor, ihr habt einfach was Falsches gegessen und müsst diese Zeit notgedrungen auf dem Topf verbringen. Da wären die 10 Minuten auch locker weg.
  2. Beim Mittag- oder Abendessen – geht ruhig in ein Restaurant, Kantine oder macht euch was leckeres Daheim, aber genießt das Essen komplett in Stille. Dabei müsst ihr nicht allein sein. Es soll einfach keine Kommunikation stattfinden, weder verbal noch non-verbal. Ja, da sind wichtige Termine zum Lunch und Netzwerken, oder einfach nur etwas Spaß mit den Kollegen. Diese können sicher einen Tag, oder Abend verschoben werden.
  3. Fahrt zur Arbeit komplett ohne andere Aktivitäten. Egal ob mit dem Auto, oder öffentlichen Verkehrsmitteln. Klar, hier bereiten wir uns vermutlich fleißig mit sinnlosen Nachrichten auf den Arbeitstag vor und lesen Zeugs, dass zu 90% nichts mit unserer Arbeit zu tun hat. ?

Das Besondere dabei: führt eine (oder mehrere dieser Aktivitäten) komplett ohne externen Input durch wie z.B. Zeitung, Handy, Musik, Telefonat oder Gespräch. Einfach nur ihr und der Kaffee/Essen/Fahrtweg & Menschen. Genießt die innere Ruhe, auch wenn es um euch herum einiges los sein wird. Beobachtet was um euch passiert und viel wichtiger – was in euch passiert. Beobachtet, wie oft der Reflex zum Handy aktiv wird, oder wie oft der Gedanke auftaucht, dass ihr jetzt doch Musik hören könntet, oder einen Kaffee „to-go“ trinken könntet, oder wichtige Emails beantworten solltet. Unterdrückt diese Gedanken nicht indem ihr sie bewertet, sondern lasst sie ruhig zu, nur agiert nicht nach diesen Impulsen.

Beobachtet, wie die Stille und Ruhe in euch durch diese Haltung von alleine entsteht, indem ihr eben nicht in eine andere Aktivität vor euch selbst flüchtet. Schaut wie der Kaffee, oder das Essen wirklich anfängt zu schmecken, wie die Beschaffenheit des Essens, des Getränks, oder des Lenkrads des Autos ist indem ihr gerade den Stau absitzt. Kein Gedanke ist schlecht, oder gut. Einfach nur beobachten ist hier die Devise. Lasst euch diese paar Minuten Zeit, davon wird der Arbeitstag nicht länger, sondern vielleicht sogar kürzer. Ein erholter Verstand ist in der Lage weitaus mehr zu verrichten und kreative Lösungen von alleine zu finden, an die ihr beim Multitasken nicht annähernd hättet denken können. Das ist der Weg zu mehr Produktivität, Gesundheit, Kopfraum und Zufriedenheit.

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