“Haben-wollen”

SOULMASTERY

Wir sind umgeben von schönen Dingen des täglichen Lebens. Konsum ist überall und wird z.T. jetzt immer kritischer gesehen, insbesondere auf dem Weg der geistigen und seelischen Entwicklung. Dabei sagt man doch im Zen, dass das Leben in seiner totalen Fülle genossen werden sollte. Dies beinhaltet innere, wie auch äußere Fülle. Die älteren Abbildungen des Buddhas zeigen auch einen etwas fülligeren Zeitgenossen und nicht die etwa aus Thailand bekannten Abbildungen des „Yogisierten“ Buddhas mit einem vergleichsweise athletischem Körper.


Der Umgang mit dem Thema beschäftigt viele, die sich für die Reise ins ich und für geistige Entwicklung allgemein interessieren. Das geistige Wachstum lockt, aber die vielen schönen Dinge, die diese Welt zu bieten hat, sind auch großartig. Einige sehen hier einen potenziellen Konflikt mit dem aktuellen Lebenswandel und Vorlieben. Viele Fragen tauchen automatisch auf und man fragt sich ob man allem weltlichem entsagen müsste wenn man in den geistigen Sphären aufsteigen will. Unsere Vorstellung ist belegt mit Bildern aus Shaolin Filmen und Buddhistischen Mönchen, die über die Askese versuchen zur Erleuchtung zu gelangen. Soviel schon direkt vorweg – meiner Meinung nach führt der Weg zur eigenen Innenwelt und höheren Bewusstheit nicht nur durch die Askese. Es ist sicher eine der Möglichkeiten und für manche auch ein guter Weg, aber es gibt eben nicht nur diesen einen, radikalen Ansatz.

Wir leben in einer wunderbaren Zeit. Die Wissenschaft, die ja oft in die „böse“ Ecke gestellt wird, hat viele schöne Annehmlichkeiten für uns gebracht. Es sind erst diese Annehmlichkeiten, die uns so viel Freiraum ermöglichen uns der geistigen und seelischen Entwicklung hinzugeben, sofern wir es wollen. Einige Dinge und Dienstleistungen sind nämlich fürs tägliche Leben und Überleben sehr nützlich. Auch ist es in unserer aktuellen westlichen Gesellschaft nicht wirklich praktikabel das Leben sitzend im Zazen zu verbringen, oder wie die Brahmanen betteln zu gehen für die tägliche Nahrung. Das mag im Osten immer noch ein möglicher Weg sein, aber in Europa sieht das Leben nun mal anders aus. Einige Dinge die wir uns anschaffen dienen der reinen Aufrechterhaltung, wie zum Beispiel Lebensmittel und Kleidung. Es ist klar, dass es insbesondere beim letzteren Beispiel große Unterschiede und Interpretationsräume gibt. In dem gemeinten Sinne geht es natürlich eher um den Schutz vor Kälte, Nässe und vor Verletzungen (zb. Schuhe). Wir müssen also auf die eine oder andere Weise tätig werden, um diese Grundbausteine des Seins sicherzustellen. So wie die Dinge aktuell stehen, ist es eher wahrscheinlich, dass wir in einer größeren Stadt leben, oder auch außerhalb davon kaum genug Land besitzen, um uns völlig autark versorgen zu können. Die autarke Selbstversorgung mag zwar wie ein Hippie Traum klingen und in einer post-neo-romantischen Vorstellung wie das Nirwana erscheinen, es ist jedoch in der Realität mit sehr viel Aufwand und Verzicht verbunden.

Die uns sehr unliebsam gewordene Arbeitsteilung hat es ermöglicht, dass wir Aufwand und Resultat mit einem Hebel versehen können. Heute, in den entwickelten westlichen Ländern, ist es noch vergleichsweise leicht diesen Hebel zu nutzen, um mit den eigenen Ressourcen (insbesondere geistiger Leistung), einiges an materiellen Ressourcen zu erhalten, die man selbst nicht im Traum hätte herstellen können. Es ist ja eigentlich wunderbar, dass die Entwicklung so verläuft und uns ein riesiges Spektrum an Waren und Dienstleistungen zur Verfügung steht, welches wir für unsere Lebenszeit eintauschen können. Denn im Prinzip ist es ja immer ein Tausch der Zeit gegen Dinge/Dienstleistungen. Eine der großen Herausforderungen ist daher auch die Auswahl dessen, wofür man diesen Hebel nutzt und wo man ansetzt (aber in diesen Themenkomplex möchte ich an dieser Stelle nicht eintauchen).


Wie eingangs erwähnt, kann man in Notwendiges und Exzessives teilen. Wenn man diese duale Ansichtsweise zulässt, kann man praktisch entscheiden, was brauche ich und was gönne ich mir “on top”. Wie jeder von uns natürlich weiß, ist diese restriktive Annahme in der realen Welt nicht zu halten. Die Grenzen zwischen diesen beiden Polen des Verfügbarkeitskontinuums sind mehr als fließend. Kleidung ist das beste Beispiel hierfür. Was ist noch eine Notwendigkeit und was Luxus? Da eine reiche Fülle an Kombinationen möglich ist, kann man fast bei jeglicher Bekleidung diskutieren, wie weit weg diese vom essenziellen Ende des besagten Kontinuums liegt. Das geht natürlich unendlich so weiter bei all dem coolen Zeug, was wir zur Verfügung haben in unseren bunten Konsumwelt. Leider wird uns genau aus diesem Grund alles Mögliche als absolut notwendig verkauft (wie Grillsoßen zum Beispiel ? -> Affiliate Link). Je nach Blickwinkel, sind auch verschiedene Faktoren für die Notwendigkeit entscheidend. Das weiß auch die Werbeindustrie. So ist es nicht überraschend, dass viele mit einem bestimmten Auftrag in den Einkauf starten und mit anderen Dingen sich am Ende zu Hause wiederfinden.

Nichts spricht dagegen sich auch Dinge zu leisten, die nicht nur zur Erleuchtung oder medizinischen Grundversorgung zählen. Ich empfinde nach wie vor ein schönes Auto, einen guten Laptop und Segelboot als richtig schöne Güter, die meiner Zeit wert sind. Warum das so ist, ist natürlich eine separate Diskussion, die es allerdings lohnt für sich selbst zu wagen und mit sich selbst zu führen. Am Ende dieser Diskussion kann schon mal das Ego als treibende Kraft herauskommen. Es sollte aber eben auch nicht alles auf das Ego geschoben werden. Natürlich ist das Ego für so manche Konsumentscheidungen verantwortlich ist. Es ist eben unser treuer Begleiter und Werkzeug, dass oft nur dem Unterbewusstsein dient in der (zum Teil übertriebenen) Sicherstellung des Überlebens. Alles was wir uns so wirklich tief im Inneren wünschen, wird dort abgelegt. Alles was wir uns verbiete, aufschieben, oder unterdrücken ist in dem großen Keller des Unterbewusstseins und wartet darauf gelebt zu werden. Der Schlüssel zu diesem Keller und auch zu dem gesamten Thema hier liegt meiner Meinung nach (wieder mal) in der Frage der eigenen Bewusstheit und z.T. auch der persönlichen Anhaftung. Die Pole dieses Kontinuums sind hier Besitz und Wertschätzung.

Es darf natürlich argumentiert werden, dass man Besitz auch wertschätzen kann, aber das ist hierbei nicht der springende Punkt. In dieser Parabel ist Besitz eher als Synonym für die Anhaftung an Dingen gemeint. Es ist dieser beanspruchende Besitz, der etwas für sich haben will und dies auch nicht mehr hergeben mag. Es ist diese egoistische Anhaftung an Dinge, Menschen und auch Erlebnisse, die uns gut bekannt ist. Bestes Beispiel ist eine zwischenmenschliche Beziehung und die damit verbundene Eifersucht und Missgunst, wenn die Aufmerksamkeit anderen zu Teil wird, insbesondere am Anfang einer solchen. Dabei gilt das auch für gleichgeschlechtliche Kameraderie und Freundschaft.

Gegen den Zwang immer das neue IPhone und den neuesten Benz zu “brauchen” und damit der Anhaftung zu frönen gibt es ein tolles Mittel – die Bewusstheit. Sie ermöglicht es uns von dem Pol des Besitzes zur Wertschätzung zu bewegen. Die Bewusstheit befähigt zum aktiven Erleben des Konsums und der Güter, die man zur Verfügung hat. Dieser scheinbar simple Mechanismus kämpft gegen mehrere Gegner. Neben unserer nicht sehr stark ausgeprägten Fähigkeit dieses Mittel einsetzen zu können kommen erschwerend Faktoren wie die Gewohnheit, Stress und insbesondere das Multitasking. Diese Hindernisse machen es uns nicht leichter die Güter zu genießen. So z.B. das Telefon – kaum nehmen wir die geschwungenen Formen des eigenen Mobil-Gerätes in der Hand wahr und auch das Displays erfreut uns nur noch selten – ach war es doch so scharf und die Farben so toll dargestellt, als wir es zum ersten Mal ausgepackt hatten… Dieses Erleben geht natürlich unter im Strudel der WhatsApps, Instagrams und Emails. Nicht anders ist es um das Auto bestellt. Dieses wird zumeist im Stau zu und von der stressigen Arbeit nur als Fortbewegungsmittel wahrgenommen. Am eh zu kurzen Wochenende, wenn man sich überall in der Stadt durchquetschen muss und mit zig Tausend Menschen um Parkplätze konkurriert fällt es einem schwer die Aufmerksamkeit auf die Materialien des Innenraums, oder die Linienführung der Kotflügel zu bringen. Vielen Kleinigkeiten, die wir uns anschaffen, verlieren wir mit der Zeit aus dem Blick, da wir stets neuen „Zielen“ nachjagen und am Abend zu fertig sind das Licht der teuren Lampe bewusst wahrzunehmen, die wir uns doch vor zwei Monaten so sehr gewünscht haben. Das Muster ist leicht erkennbar, die Beispiele sind endlos.

Wie kann man dieses Muster durchbrechen? Ein Schritt ist schon getan, vielleicht sogar der wichtigste. Du denkst in dem Moment gerade darüber nach. Der einzige Punkt ist, dass das Nachdenken nicht in Gedankenschleifen ausartet, sondern in die Beobachtung gelenkt wird. Das ist auch schon der Schlüssel. Die Beobachtung gibt der Achtsamkeit Energie. Sicher waren viele der hier beschriebenen Zusammenhänge schon irgendwie bekannt, aber jetzt gerade – in diesem Augenblick – sind sie präsent und Du kannst sie in Deinem Verstand beobachten, ohne in diese Gedanken einzusteigen. Das ist Bewusstheit. Klar, das Beobachten, ohne in Gedankenschleifen zu verfallen bedarf etwas Übung, aber der tägliche Arbeitsweg bietet hier endlose Übungsmöglichkeiten.


Es ist durchaus nicht leicht, diese Bewusstheit im Alltag zu leben und die vielen Eindrücke, die die Stadt und die Zivilisation uns pausenlos liefert, bewusst zu verarbeiten. Das meiste landet daher direkt im Unterbewusstsein, vorbei an unserer Bewusstheit. Diese Wahrnehmungsdiskrepanz ist für einiges an emotionaler Schieflage verantwortlich (aber das mit dem Unterbewusstsein ist ein Thema für sich). Wie immer ist es hilfreich in kleinen Schritten anzufangen. Wie wäre es mit einer einzigen Tätigkeit am Tag, die wirklich bewusst und in dem Moment vollständig aktiv vollzogen wird? Das kann der Weg zur U-Bahn sein, oder die genaue Betrachtung eines Gegenstandes und die Beobachtung dessen, was in einem passiert, wenn man dies tut. Die tägliche Tasse Kaffee am Morgen mal nicht „to-go“ und nebenbei runterkippen und ins Handy starren, sondern wirklich komplett genießen. Die nächste Stufe und vermutlich beste Übung hierzu ist die Meditation ggf. in Kombination mit kleinen Achtsamkeitsübungen.


Vollzieht man kleine Achtsamkeitsübungen regelmäßig, stellen sich bereits nach kurzer Zeit recht deutliche Unterschiede in der Wahrnehmung fast von allein ein. Dinge, Erlebnisse und Menschen werden plötzlich bewusster wertgeschätzt und erlebt. Dies ist ein erster Schritt zur Auflösung der diversen Anhaftungen. Man muss etwas nicht mehr besitzen, wenn man es erlebt. Das Erlebnis findet statt, man genießt es hier und jetzt. Es ist schön und man kann sich darin verlieren und finden zugleich. Dies löst nach und nach das Bedürfnis auf die Dinge und Menschen „behalten“ bzw „konservieren“ zu wollen, um diese später wieder quasi wieder noch einmal erleben zu können. Dieses Festhalten und Wahren braucht man, wenn man das aktuelle Erlebnis nicht bewusst wahrgenommen hat. Ist man aber in dem Moment wirklich da und präsent, hat man den Menschen, die Dinge, die Erfahrung völlig bewusst, konzentriert und mit ungeteilter Aufmerksamkeit erlebt, so ist es schon oft genug und die Freude darüber an sich füllt den Raum des Egos, welches uns zur Anhaftung verleiten möchte. Das Ego wird vom Unterbewusstsein nämlich dazu angehalten alles „gute“ zu konservieren bzw. zu bevorraten. Das Unterbewusstsein weiß es eben ja auch nicht besser. Es hat nur die Konsumerfahrung der eigenen Vergangenheit und nicht die z.b. Meditative Erfahrung eines vollkommen bewussten Menschen. Diese Veränderung stellt sich natürlich nicht von heute auf morgen zu 100% ein, aber die Bewegung von einem Pol zum anderen wird schnell spürbar.

Versucht euch heute auf nur eine Sache, die ihr macht, die ihr nutzt, vollständig einzulassen und das Erlebnis bewusst aufzunehmen. Spürt dann, wie eure Notwendigkeit dieses Ding zu besitzen, oder das Erlebnis zu wiederholen sich ein Stück auflöst und entspannt. Positiver Nebeneffekt ist das kurzfristige Ankommen und Verweilen im Hier und Jetzt mit all den schönen Impressionen und weniger anderer Gedanken.


Der Weg zu einem höheren Selbst ist also keine vollständige Abkehr von der bunten Konsumwelt. Wir leben in dieser wunderbaren Zeit und sollten diese auch in ihrer Fülle genießen. Mit Achtsamkeit und Bewusstheit kann man allerdings aus dem Strudel aussteigen immer das neueste haben zu wollen und maßlos Dinge um sich zu scharen. Wenn wir davon etwas Abstand gewinnen können, eröffnet sich uns eine differenzierte Möglichkeit der Kosten/Nutzen-Betrachtung, die uns Lebenszeit schenken kann, die wir u.a. in unsere eigene Entwicklung investieren können.

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