Generation “zu spät”?

SOULMASTERY

Im Verlauf meiner bisherigen professionellen Laufbahn, hatte ich ständig  das Gefühl etwas zu spät dran gewesen zu sein. Als ich bei der Beratung im Jahr 2006 anfing, sagte man mir, dass es noch ein paar Jahre vor meinem Einstieg „richtig krass“ abging, es hätten „alle“ viel mehr verdient und ausufernde Partys gefeiert. Dann wechselte ich 2010 ins unmittelbare Umfeld des Investmentbankings. Dort wieder das gleiche – „vor paar Jahren hat man hier noch richtig viel Geld verdient und ausufernde Partys gefeiert“, so der Tenor der “eingesessenen” Kollegen. Leider schien es jedes Mal nicht mehr das zu sein, was es mal war und was ich gehofft hatte vorzufinden in der jeweiligen Branche.

Nun sind ein paar Jahre vergangen und ich frage mich, ob ich jetzt schon das auch so sehe, dass „früher alles besser war“ in der Branche? Bin ich jetzt auch einer dieser Leute geworden, die von ausufernden Partys gegenüber den jüngeren Einsteigern schwärmen? Ich habe definitiv das Gefühlt, dass die Generationen Y und Z verhältnismäßig (also inflationsbereinigt) weniger verdienen, als die Generation X. Diverse Studien werden mich vermutlich des Irrtums überführen, aber die legen auch einen irrelevanten „Korb“ für die Messung der Inflation bei den Yuppies zugrunde. So ist es einem Berufseinsteiger egal, ob Milch nur 3% teurer geworden ist – der Gin Tonic in der Bar kostet nicht mehr 8-10€, sondern 12-15€ (zumindest in den Yuppie/Hipster Bars in den Hot-Spots). Wie dem auch sei, mit dem Alter und Zeit scheinen die Partys im Nachhinein immer wilder gewesen zu sein, dennoch kommt es mir so vor, als wäre das nicht die Erklärung für mein Gefühl des „zu spät“ seins.

In Retrospektive stelle ich fest, dass es zu meiner Anfangszeit in der Beratung schon noch etwas anders war. Der Duft der guten alten Zeiten war noch in der Luft. Wie immer spürt man den Kontrast erst durch die Veränderung und so wurde es deutlich schlechter im Verlauf der Jahre mit dem Geld und den Partys. Das wahre Kontrastmittel war da aber der Finanzsektor. Dort traf ich auf ein Mindset, bei dem ich mir beim besten Willen die angeblich früher krass ausufernden Festivitäten nicht vorstellen konnte, dafür aber wusste, dass hier wesentlich mehr Geld verdient worden ist. So, oder so fiel mir auf, dass viele meiner Altersgenossen auch beklagten, dass es ja früher alles besser gewesen sein musste und wir hier jetzt einfach nur „Pech“ haben. Wir sind zu spät dran. Natürlich fragt man sich dann, war das nicht schon immer so? Findet man nicht immer alles früher besser ab einem gewissen Alter? Die Literatur gibt uns da auch einen Wink – wir tendieren dazu das Schlechte auszublenden und das Gute hervorzuheben. Das hat man schon in einigen Studien bewiesen. Das reicht mir aber nicht aus. Ich finde das zu flach. Später wird früher immer alles besser gewesen sein? Ne, das kann es nicht sein.

Fast war ich schon in diese gedankliche Sackgasse geraten und habe mich dort mental quasi eingerichtet – ganz nach dem Motto: „tja, so ist das eben im Leben“. Da kam mir aber eine Firmengründung in die Quere. Die Erfahrung in meinem Start-Up zeigte mir, dass es tatsächlich auf die Umstände ankommt. Hier kam dann eine Erkenntnis, die ich mir persönlich früher in meiner Laufbahn gewünscht hätte: wenn man in einer untergehenden bzw. schrumpfenden Branche / Industrie arbeitet, wird man immer genau das Gefühl haben zu spät dran gewesen zu sein. Es wird gekürzt, gefeuert, abgebaut, gespart usw. Alle meckern ständig rum, dass es früher nicht so war und die Spirale geht weiter abwärts. In einem aufstrebenden Umfeld dagegen ist das Spiel genau umgekehrt. Hier ist das Gefühl genau diese Zeit zu erleben in der es „vorwärts“ gehe und „aufwärts“ und alles liegt noch vor einem (wo auch immer dieses „vorwärts/aufwärts“ ist) … das geht dann so weiter, bis die Industrie wieder out ist, oder das Produkt. An diesen Zeitpunkt denkt natürlich keiner in den aufstreben Branchen, warum denn auch?! Was allerdings witzig ist, ist dass die Menschen in den schrumpfenden Industrien oft auch nicht die Vorboten des Untergangs sehen wollen. Ich hatte das große Glück beides gleichzeitig zu erleben und direkt gegeneinander halten zu können. Dabei hat eine neue, aufstrebende Branche (in Deutschland) oft mit Liquiditätsengpässen zu kämpfen, denn das Geld ist ja in den alten, sterbenden Branchen.

Die spannende Frage hinter dem ganzen Thema ist aber doch – wie wählt man wohl die Branche für das eigene Tun und insb. den Berufseinstieg, der dann zumeist den weiteren Verlauf stark prägt? Ist es nicht vielleicht so, dass man mit einer bestimmten Vorstellung der Eltern und des Umfelds aufwächst, welches zumeist die alteingesessenen Branchen hervorhebt wegen der Sicherheit und Seriosität ebendieser? Je nachdem wie sehr diese Einflüsse uns tatsächlich lenken und prägen landen wir fast zwangsläufig in einer schrumpfenden, alten, verkrusteten Branche, die zu der Zeit der Eltern cool war. Das ist ein Teufelskreis der Generationen mit dem daraus resultierenden Gefühl zu spät zu sein. Die Non-Konformität und der Wunsch nach etwas Bestimmtem, Eigenem, von der Norm Abweichendem führt zumeist in die Sphäre des Aufwärtswindes. Das heißt nicht, dass jedes Start-Up erfolgreich wird, oder dass dort das große Geld auf einen wartet, aber die Stimmung, das Umfeld und das Gefühl jeden Tag im Office ist ein anderes. Es ist ein positives Gefühl am Anfang von etwas zu stehen, oder vielleicht mit etwas Glück am Hoch eines Zyklus dabei zu sein.

Wie bei jedem Zyklus, schließt sich dann doch irgendwann der (karmische) Kreis und das unseriöse und hippe wird irgendwann alt und verkrustet, schrumpft und droht zu sterben und wird als eine neue Form wiedergeboren. Die Banken wurden von Investmentbanken abgelöst, diese von Hedge Funds, diese bald von FinTechs und dann kommt wieder etwas Neues. Schiff wurde Zug wurde Auto wurde Flugzeug wurde Carsharing wird irgendwann Drohne. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Wenn ich mir selbst also einen Tipp geben könnte vor ca. 10 Jahren – falls du dich dabei erwischst in einem Umfeld zu sein wo du dich „zu spät dran“ fühlst, ist es höchste Zeit für ein neues, positives Umfeld. Das Leben in einer negativen, absteigenden Industrie ist deprimierend, auch wenn klar ist, dass man selbst dafür verantwortlich ist es an sich ran zu lassen. Es liegt natürlich an uns selbst das daraus zu machen was und wie wir es wollen, dennoch fällt der Flug angenehmer aus, wenn der Gleitschirm Auftrieb hat.

Wir kennen sehr wenige Beispiele der Unternehmen und Branchen, die sich durch Sparmaßnahmen und Restrukturierungen wirklich „retten“ konnten und die „guten“ Zeiten wiederkamen. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass es nicht wieder passieren wird und eine ganze Karriere in einem negativen Umfeld verläuft. Man hat stets ein belastendes Korsett. Der Krankheitsstand explodiert, die Produktivität sinkt, der Bürokrieg um Budgets, Reisekosten und Materialien tobt. Kopfschütteln und Frustration wird zum Alltag. Die Arbeit wird ausschließlich für das Geld verrichtet, welches dringend benötigt wird für ausgleichende Freizeitaktivitäten. Diese werden allerdings immer teurer und werden häufiger als Ausgleicht „benötigt“. Ein schwieriges Rennen, aus dem es sich auszusteigen lohnt.

Aus der Konformität ist noch nie etwas Neues entstanden. Alle bahnbrechenden großen Dinge geschahen eben, weil sich jemand gewagt hat es anders zu machen, als die Vorgänger (oder eben die Eltern). Manchmal war es eine Revolution, dann wieder eine Evolution, aber stets haben Menschen sich nach eigenen Wegen umgesehen und die ausgetrampelten Pfade verlassen, um etwas neues und auch sich selbst zu entdecken. Wir können das Leben unserer Eltern im neuen Gewand wiederholen, oder uns selbst verwirklichen. Beides gleichzeitig ist nur sehr wenigen vorbehalten. Denn in einem positiven Umfeld, welches sich gerade im Aufwind befindet, ist es deutlich einfacher zu sich und der eigenen Berufung zu finden. Spaß und Arbeit können hier in der Tat verschmelzen (mit deutlich kleineren Budgets, als in den alten Branchen) und die „Work-Life-Balance“ löst sich im Wohlgefallen auf und zwar nicht weil man für wenig Geld viele Stunden arbeitet, sondern weil man die angemessenen rund 8 Stunden am Tag wirklich produktiv und konstruktiv Neues erschafft, oder dabei mitwirkt.

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