Angst is in the air

Die Corona-Situation bringt eine Menge Angst an die Oberfläche. Ein lohnenswerter Zeitpunkt für eine Betrachtung dieses Instruments Angst.

Ein steter Begleiter

Angst ist überall. Aktuell spüren wir sie sehr deutlich. Covid-19 macht sie durch verschiedene Aspekte greifbarer und präsenter. Wie eine Art Kontrastmittel im CT durchströmt es alles und jeden. Die Angst ist aber nichts Neues. Sie war schon immer da. Jeder kennt das Gefühl. Natürlich haben alle nicht immer Angst – das wäre ja auch kaum auszuhalten – aber die Angst begleitet uns alle fortwährend. Psychologen und Philosophen führen jegliche Form von Angst letztendlich auf die Angst vor dem Tod zurück.

Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das weiß, dass es sterben wird. Die Verdrängung dieses Wissens ist das einzige Drama des Menschen. (Friedrich Dürrenmatt)

 

Es fällt mir persönlich nicht schwer diese Argumentationskette nachzuvollziehen. Meine eigenen Ängste kann ich für mich kausal bis zum Tod relativ gut nachverfolgen. Bei einem Virus erschließt sich das leicht, aber auch die Angst vor der finanziellen Krise/Ruin ist im Kern eine Angst vor der Versorgungslage und dem Tod durch z.B. Verhungern und/oder Obdachlosigkeit.

Rein kognitiv scheinen wir zu wissen, dass es in Deutschland (noch) sehr gute soziale Absicherungsinstrumente gibt und keiner von uns wirklich auf der Straße landen muss und wird – so ziemlich egal, was da kommen mag. Für manch einen ist das berüchtigte „Harz IV“ mit dem Hungertod auf der Straße gleichzusetzen. An dieser Stelle kann ich euch aus meiner persönlichen Erfahrung beruhigen – ich kam als Flüchtling nach Deutschland und lebte eine Weile von der Sozialhilfe in einer Notunterkunft. Daran bin ich nicht gestorben, wie man sieht. ?

Warum haben wir also dennoch so viel Angst?

Das ist eine sehr komplexe Fragestellung und dazu gibt es wirklich eine Menge Literatur. Es kann nicht der Anspruch eines LinkedIn Artikels sein darauf eine umfassende Antwort geben zu wollen. Allerdings kann ich nachfolgend eine Reflexionsmöglichkeit anbieten und dadurch vielleicht eine gewisse Bewusstheit für die eigenen Muster schaffen/stärken.

Zurück zum Thema der Versorgungslage. Mir erscheint die Prägung durch unsere Eltern (bzw. Erziehungsberechtigte & Umfeld) als eine wichtige Ursache für unsere Angst vor dem Existenzminimum zu sein. Für viele Eltern gibt es entweder das „pralle Leben“ (im Sinne des Geldbeutels), oder eben die „Gosse“. Während sich die Definition der „Prallheit“ bedingt durch (soziale) Herkunft unterscheidet, scheinen sich alle „Klassen“ in der Definition des Gegenpols einig zu sein. Diese binäre Betrachtung scheint allgemeingültig:

1 = Pralles Leben; 0 = Gosse

Diese schwarz-weiß Prägung ist auch für viele Ängste am Arbeitsplatz mit verantwortlich. In uns laufen programmierte Schallplatten ab wie z.B.:

  • Wenn ich dieses Projekt nicht rechtzeitig abliefern kann….
  • Wenn ich jetzt früher als die Kollegen heimgehe…
  • Wenn ich um Home-Office an Freitagen und Montagen bitte…“
  • Wenn ich Teilzeit beantrage…
  • Wenn ich einfach diesen Scheißjob kündige…

…dann werde ich z.B.:

  • …bei der nächsten Runde nicht befördert.
  • „...bei der Gehaltserhöhung übergangen.
  • …gefeuert.“
  • „...meine Raten/Kredite nicht mehr bedienen können.
  • …nicht mehr in der Lage sein meinen Lebensstandard zu halten.
  • …in der Gosse landen.
  • …meinen Lebensabend alleine verbringen.
  • …alleine sterben.“ (kurzer Einschub: Ja, richtig! Das stimmt und wird auf jeden von uns so oder so zutreffen ?)

Wenn wir uns diese Kausalketten so durchlesen, können sie uns relativ lächerlich erscheinen und weit hergeholt wirken. Wir sehen, dass zwischen den einzelnen Bullets recht große Extrapolationen zu liegen scheinen. Ich kann mir aber vorstellen, dass der eine oder andere Parallelen zu seinen eigenen Gedankenketten wiederfinden kann…

Herdentrieb

Das innere Spiel mit der Angst wird noch durch einen weiteren Aspekt beeinflusst: den Herdentrieb. Als Volkswirt lernte ich in der Uni bereits die Mechaniken des Herdentriebs in Krisen. Auch wenn wir heute (noch?) keinen „Bank-run“ haben, so hat sich dieses Mal der „Run“ aufs Klopapier verlagert. Hier können wir wunderbar sehen, wie eine Fehlinformation zu realwirtschaftlichen Konsequenzen führen kann und wie unbewusste Menschen sich davon manipulieren lassen (dazu komme ich aber noch weiter unten).

Verbinden wir noch kurz den Herdentrieb mit der Angst vor dem Tod. Hier kommt der Aspekt der sozialen Ächtung ins Spiel und damit der potentielle Verlust aktueller sozialer Kontakte durch das „Herausfallen“ aus gesellschaftlichen Schichten. In unserem System ist dies evolutionsbedingt mit dem Tod assoziiert. Schließlich haben wir eine recht lange Zeit von Stämmen und Gesellschaften profitiert, die uns in vielerlei Hinsicht Schutz gewährten. Auch dieses Muster verstärkt und nährt aktuelle Ängste.

Leben mit der Angst

Wie eingangs erwähnt, ist die Angst nicht jetzt erst durch Covid-19 entstanden. Vielmehr wurde sie an die Oberfläche befördert aus dem Schatten der fortwährenden Unterdrückung. Das an sich ist eigentlich eine gute Sache, da die Expression für den Körper-Geist immer die bessere Alternative zur Unterdrückung ist.

Wo wir uns zu „Friedenszeiten“ mit allem möglichen vor unserer Angst abgelenkt haben (wie z.B. Karriere, Hobbys und Ausgehen), werden wir in der „Corontäne“ verstärkt auf uns selbst zurückgeworfen und damit auch auf diese Ängste (gepaart mit der unsicheren finanziellen Situation für einige).

Im Bereich des Bewusstseins und der Meditation sprechen Meister und Mystiker jedoch oft positiv über die Angst. Ein Beispiel von Osho:

“Fear is natural, guilt is a creation of the priests. Guilt is man-made. Fear is in-built, and it is very essential. Without fear you will not be able to survive at all. Fear is normal. It is because of fear that you will not put your hand in the fire. (…)

If the child has no fear there is no possibility that he will ever survive. His fear is a life-protective measure. (…) Fear is intelligence. Only idiots don’t have fear, imbeciles don’t have fear; (…)

Fear is intelligence – so when you see a snake crossing the path, you jump out of the way. It is not cowardly, it is simply intelligent. But there are two possibilities…

Fear can become abnormal, it can become pathological. Then you are afraid of things of which there is no need to be afraid – although you can find arguments even for your abnormal fear. For example, somebody is afraid of going inside a house. Logically you cannot prove that he is wrong. He says, ‚What is the guarantee that the house will not fall?‘

Now, houses are known to fall so this house can also fall. People have been crushed by houses falling. Nobody can give an absolute guarantee that this house is not going to fall – an earthquake can happen…anything is possible! Another man is afraid – he cannot travel because there are train accidents. Somebody else is afraid – he cannot go into a car, there are car accidents. And somebody else is afraid of an airplane…

Fear can become abnormal, then it is pathology. And because of this possibility, priests have used it, politicians have used it. All kinds of oppressors have used it. They make it pathological, and then it becomes very simple to exploit you.” (Osho)

Jeder hat also Angst. Es ist eine Basisfunktion unseres Organismus. Selbst große Krieger und Kämpfer haben Angst. Der mögliche Umgang damit macht den Unterschied.

Wie kann ich also mit meinen Mustern & meiner Angst leben, ohne dass sie mich ständig zu Reaktionen zwingt und mich damit steuert?

Damit die Angst nicht „pathologisch“ auf uns wirkt, wie so schön von Osho beschrieben, können wir mit unserer Bewusstheit einen Unterschied machen. Je nach meinem eigenen Bewusstheitsgrad kann ich dessen gewahr werden, wenn ich wieder auf einen externen Trigger reagiere. Meine inneren Muster fahren an, meine Prägungen schlagen zu. Der Motor meines Verstandes dreht auf und gibt mit reaktive Anweisungen zum sofortigen handeln. Viele dieser Reaktionen kann man gut in den sozialen Medien (und beim Klopapierkauf) beobachten.

Die Schwierigkeit liegt darin sich selbst fortwährend beobachten zu können. Dazu ist in den allermeisten Fällen unsere Bewusstheit nicht genug ausgeprägt. Wir sind zu sehr mit dem Gedankenstrom identifiziert. Wir werden mitgerissen in Gedankenspiralen und Kausalketten, die sich rein aus vergangenheitsbezogenen Daten zu z.T. wirklich angsterregenden Extrapolationen aufbauen.

All fixed set patterns are incapable of adaptability or pliability. The truth is outside of all fixed patterns. (Bruce Lee)

Meditation als Tool

Eine Möglichkeit die Corontäne sinnvoll zu nutzen ist die Meditation. Endlich haben wir die Möglichkeit uns auch während des Arbeitstages in uns zurückzuziehen ohne das ggf. erklären und rechtfertigen zu müssen. Wir können meditative/achtsame Pausen einlegen, oder morgens/mittags/abends eine halbe oder ganze Stunde meditieren. Wir können z.B. die Zeit des Arbeitsweges (der aktuell zumeist nicht mehr anfällt) in uns selbst und unsere Bewusstheit investieren.

Die Meditation ist eine direkte Möglichkeit die eigene Bewusstheit zu trainieren und zu entwickeln.

Da wir die Angst nicht aufhalten können, führt jeder solcher Versuch nur zur Unterdrückung dieser mit entsprechenden Konsequenzen zu einem späteren Zeitpunkt. Wir können jedoch die Treiber der Angst beeinflussen. Wir können uns der Muster und Prägungen in dem Moment gewahr werden, indem sie uns aus unserer Mitte rauszubringen versuchen. Hier ist ein kleines „Männerbild“ (ja, köpft mich mit dem Gender-Muster) zur plastischen Veranschaulichung dieses „Bremsmechanismus„:

 

Wie wir sehen haben wir nicht nur größere „Bremsen“ sondern auch einen stabileren Stand mit hübscheren Schuhen „mit Meditation“. Wer dieses kleine Detail in den beiden Bildern übersehen hat, kann hier wunderbar sehen wie „bewusst“ er/sie hinschaut… ??

Die Angst nutzen!

Wie jede Emotion ist Angst gebundene Energie. Diese können wir uns zu Nutze machen (z.B. für die meditative Praxis). Das mag esoterisch klingen, aber ich lade jeden dazu ein, ein kleines Experiment beim nächsten Anflug eines Angstsymptoms zu machen (z.B. bei Rastlosigkeit): Statt die Emotion zu unterdrücken („ach alles Quatsch und wird schon, stell dich nicht so an„), oder sie auszudrücken (z.B. reaktive Depotbewegungen, oder ein unreflektierter Social-Media Post/Kommentar) – gibt es eine dritte Möglichkeit: einfach mit der Emotion zu „Sitzen„.

Wie das?

Eine kleine, simple Übung

Wenn wir Angst (oder verwandte Gefühle) spüren, setzen wir uns einfach bequem hin (es kann ein Meditationssitz/-position sein, oder einfach auf einen Stuhl/Sessel/Couch) und beobachten ganz genau die physischen Aspekte dieser Emotion (Augen können offen, oder geschlossen sein):

  • wie genau fühlt sich die Emotion bzw. die Auswirkungen an? Habe ich einen erhöhten Puls? Wie ist meine Atmung? Zittere ich vielleicht irgendwie am Körper? Egal wie die Antworten ausfallen mögen – ich beobachte es einfach nur, ohne darauf Einfluss nehmen zu wollen.
  • wo genau sitzt die Emotion (Bauch, Kehle, Brust….)? Habe ich das halbwegs lokalisiert, gehe ich mit meiner Aufmerksamkeit immer weiter in diese Körperregion und spüre immer tiefer in diese Stelle. Ich versuche die Quelle dieser Emotion zu finden. Indem ich mit meiner Aufmerksamkeit immer tiefer in die Emotion gehe und mich dieser damit öffne, wird eine Veränderung einsetzen. Es kann (je nach Situation) einige Minuten dauern. Früher oder später wird sich jedoch ein Empfinden einstellen, als ob sich die Angst einfach auflöst (nicht erzwingen, abwarten!). Wenn wir bewusst dabei bleiben und dieses Ereignis spüren, werden wir auch eine große Menge neuer Energie erfahren, die jetzt freigesetzt wird. Damit können wir nun unsere To-Do’s erledigen, kreativ werden, oder oder oder…

Mein Fazit

Wir können die Angst auch für uns nutzen, statt unter ihr zu leiden und durch reaktive Impulse die eigene Lage ggf. noch zu verschlimmern. Insbesondere für die meditative und achtsame Lebenspraxis kann die Angst durchaus eine Unterstützung sein. Die Angst hat die Fähigkeit uns wach und alarmbereit zu machen. Wir können diese „Wachheit“ in die Bewusstheit einfließen lassen. Wir können das Kontrastmittel Angst nutzen um unsere eigenen Muster und Treiber für uns selbst endlich mal sichtbar zu machen. Einen Versuch ist es alle Mal wert.

Lasst uns uns durch die Ereignisse dieser Zeit nicht verrückt machen und auseinander treiben, auch wenn wir unterschiedliche Standpunkte zu der Handhabung der Situation haben könnten.

Bedingungenlose Liebe ist Mitgefühl und Liebe war schon immer ein bekanntes Licht im Dunkeln der Angst.

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